Warum wir über unsere Pakete sprechen sollten 


05.04.2021

Kennt ihr das, wenn ihr nicht drum herum kommt online zu bestellen? Vielleicht, weil gerade Lockdown ist und der stationäre Einzelhandel sich nach wie vor schwer tut mit der Digitalisierung. Oder weil das coole Start-up, bei dem ihr bestellen wollt, bisher ausschließlich online versendet? Weder um Start-ups noch um Digitalisierung soll es hier heute gehen. Es geht um den Versand an sich. Denn seien wir mal ehrlich: Über das Produkt und die Marke machen wir uns viele Gedanken, aber darüber, wie die Produkte ins Paket und die Pakete zu uns kommen (und wer das eigentlich alles in Windeseile bearbeitet) eher nicht.  


Allein bei der Deutschen Post DHL wurden laut Eigenaussage im letzten Jahr über 1,8 Milliarden Pakete in Deutschland versendet. 200 Millionen alleine im Dezember 2020. Da brauche ich erst einmal einen Taschenrechner, um mir nur annähernd solche Zahlen vorstellen zu können. Damit du das jetzt nicht auch machen musst: Das sind dann rund 22 Pakete im Durchschnitt pro Einwohner:in in Deutschland. Und da kommen UPS, Hermes, DPD und andere noch obendrauf!


Stell dir mal vor, wie viel Verpackungsmüll dabei entsteht (von anderen Auswirkungen auf die Umwelt ganz zu schweigen)! Ich bin regelmäßig schockiert davon, wie viel Verschwendung beim Versand von Paketen anfällt: Ob meterlange Luftpolster für Gegenstände, die überhaupt nicht kaputt gehen können oder riesige Kartons, in die das bestellte Produkt gefühlt 100x hineinpasst. Mit Nachhaltigkeit hat das schon gar nichts mehr zu tun. 


Hast du dich jemals gefragt, wie dein Paket mit dem neu erworbenen Lieblingsstück bei dir ankommt? Wer es eigentlich verpackt und wo? Ich habe mich schon während meines Studiums der Logistik mit der optimalen Verpackung beschäftigt und zeige euch mal, auf was man dabei alles achten muss:


In den Logistikzentren dieser Welt laufen tagtäglich unzählige Menschen die Gänge hoch und runter und sammeln die Produkte für dein Paket zusammen (in den Fachkreisen nennt man das kommissionieren). Der Mensch, der das für dich tut, hat meistens einen Wagen dabei. In der Regel mehrstöckig, damit verschiedene Aufträge parallel kommissioniert werden können. Aus der Werbung kennst du vielleicht die super modernen Sortierzentren von Dienstleistern. Viel Technik. Viele Maschinen, blitzeblank poliert. Keine Menschen oder nur wenige, die die Maschinen kontrollieren. Das suggeriert, dass das immer so läuft. Dabei ist das eher die Ausnahme, denn für solche Technik braucht es viel Geld. Und das setzt mehrjährige Logistikverträge mit den Produktherstellern voraus, was wiederum nur selten der Fall ist. 


Zurück zu den Menschen: Der Wagen wird an die Verpacker:innen übergeben, die die Produkte in den Paketen dann letzten Endes verpacken. Dabei ist es natürlich wichtig, dass diejenige oder derjenige weiß, wie das Produkt am besten zu verpacken ist. Kleiner Auszug aus dem Fragenkatalog am Packtisch


  • Welche Kartongröße muss ich nehmen?
  • Wie muss ich das Produkt oder die Produkte in den Karton packen?
  • Braucht es die Luftkissenpolster? Wenn ja, wie viele?
  • Wie stelle ich sicher, dass es beim sogenannten Falltest nicht kaputt geht (die KEP = Kurier-, Express- und Paket-Dienstleister verlangen, dass ein Paket einen Sturz aus einer Fallhöhe von 60 bzw. 80 cm überstehen muss).  


Dabei ist es natürlich wichtig, die Menschen vorher richtig zu schulen und ihnen die Kenntnisse zu vermitteln, auf die es ankommt. Nur leider gerät dies völlig in den Hintergrund, wenn du und ich Sonntagnachmittags auf der Couch liegen und bei unserem Lieblings-Store online shoppen. Warum? Weil wir viele sind. Und weil es dann in der Regel immer darum geht, dass der/die Endkonsument:in das Paket schnellstmöglich erhält. Und dabei müssen von heute auf morgen oder von dieser auf die nächste Woche genügend Menschen in den Gängen der meterlangen und -hohen Regale herumlaufen, die schnellstmöglich dein oder mein Paket zu uns schicken. 


Und dann passiert es eben leider doch sehr häufig, dass ein Paket mit VIEL Luftpolsterfolie und mit VIEL Luft verschickt wird, obwohl dies gar nicht notwendig wäre. Weil es eben immer schnell gehen muss. Schnell Menschen herholen, die schnell die Aufträge abarbeiten, die dann schnell versendet werden können, damit ein KEP-Dienstleister schnell und gehetzt an deiner und meiner Klingel Sturm schellen und schnell das Paket abgeben kann. Denn: Überraschung! Unsere Pakete sind nicht die einzigen, die heute noch ausgeliefert werden sollen. Ach, und wehe uns Besteller:innen wird nicht mitgeteilt, wo sich unser neues Lieblingsstück gerade befindet. Und dann bringt uns der/die Paketbot:in das Paket noch nicht einmal mit einem Lächeln in den 3. Stock.


Es hängt also alles zusammen: die Erwartungshaltung von dir und mir, dass das Paket mit dem Lieblingsstück am liebsten direkt im neuen Zuhause eintrifft, die Prozesse in diesen riesigen Lagerschiffen, die dir vielleicht schon mal beim Vorbeifahren auf den Autobahnen aufgefallen sind, und die Gesellschaft, der alles nicht schnell genug gehen kann. Und viel kosten darf es natürlich auch nicht: Zusätzlich Versand bezahlen? Kommt nicht in die Tüte! 1,8 Milliarden Pakete bei der Deutschen Post DHL in Deutschland allein in 2020! Imagine that again please!


Ich bin also ziemlich mütend – müde und wütend, wie die SZ neulich titelte – was dieses Thema betrifft. Es geht hier aber nicht darum, jede:n einzelnen von uns anzuprangern und den Zeigefinger zu erheben ja keine Pakete mehr zu bestellen. Es geht bei nachhaltigem Konsum nicht um Perfektionismus. Vielmehr geht es darum, sich vor jeder Onlinebestellung bewusst zu machen, wie die Umstände sind, unter denen das Paket möglicherweise zusammengestellt wird. Und da habe ich noch nicht einmal angefangen von meinem Lieblingsversandhändler mit dem großen A zu sprechen.


Vielmehr geht es darum, über die Hintergründe zu sprechen. Aufzuklären. Wenn nämlich niemand darüber spricht, wie wir da wieder ins Gleichgewicht kommen können, dann werden sich weder die Müllproduktion noch die Arbeits- und Lebensumstände der Menschen, die uns unser Lieblingsstück nach Hause zaubern, je ändern. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Daher ist dieser Text ein Auftakt zu einer Reihe von Texten zum Thema Nachhaltigkeit beim Versand bzw. Bestellen von Artikeln im Internet. 



Disclaimer: Die Darstellung ist stark vereinfacht, damit auch Menschen, die sich mit Logistik nicht auskennen, verstehen können, um was es geht. Die Details sind absichtlich nicht beschrieben, um eine klare Linie beibehalten zu können. Fragt mich gerne, wenn euch was im Detail interessiert oder wenn ihr mit mir über die aktuellen Entwicklungen sprechen wollt. 





Quellen